Ein in Dubai ansässiges Luftsicherheitsunternehmen versucht, unbezahlte Schulden der ehemaligen afghanischen Regierung in Höhe von 15,3 Millionen US-Dollar zu beschlagnahmen, wobei es auf Gelder der International Air Transport Association (IATA) abzielt. Der Fall verdeutlicht die komplexen finanziellen Folgen der Machtübernahme durch die Taliban und den anhaltenden Kampf um die Durchsetzung internationaler Schiedssprüche gegen nichtstaatliche Akteure und deren Vermögenswerte.
Der Streit: Ein Vertrag ist schief gelaufen
Der Konflikt geht auf das Jahr 2018 zurück, als Olive Group, ein in Dubai ansässiges Unternehmen, einen Vertrag mit der afghanischen Zivilluftfahrtbehörde (ACAA) über die Bereitstellung von Sicherheitsdiensten an vier internationalen Flughäfen erhielt. Die Vereinbarung hatte einen Wert von etwa 38 Millionen US-Dollar.
Die Partnerschaft verschlechterte sich jedoch rapide. Die Olive Group warf der ACAA vor, durch mehrere Maßnahmen gegen den Vertrag verstoßen zu haben:
* Einbehalt von Geldern: Die Regulierungsbehörde hat 10 % der monatlichen Einnahmen ohne klare Begründung einbehalten.
* Administrative Hürden: Visa- und Personalprobleme zwangen Olive, einen lukrativen Sicherheitsvertrag mit der kanadischen Botschaft zu verlieren.
* Unrechtmäßige Kündigung: Im Jahr 2020 kündigte die ACAA den Vertrag mit Olive ohne Ausschreibung und vergab die Arbeiten zu einem höheren Preis an ein anderes Unternehmen. Kritiker vermuten, dass diese Entscheidung durch die politische Einmischung des damaligen Präsidenten Ashraf Ghani beeinflusst wurde, was Fragen zu Bestechung und Günstlingswirtschaft aufwirft.
Der Sieg im Schiedsverfahren
Die Olive Group leitete 2021 ein Schiedsverfahren in Dubai ein. Im November 2023 entschied ein Schiedsgericht zugunsten von Olive und ordnete die Zahlung von 15,3 Millionen US-Dollar zuzüglich 3 % Zinsen nach dem Schiedsspruch an.
Die ACAA versuchte, das Urteil zu umgehen, und argumentierte, dass die Machtergreifung der Taliban sie daran gehindert habe, sich einen Rechtsbeistand oder ausländische Berater zu sichern. Das Gericht wies diese Ansprüche mit der Begründung ab, dass das Nichterscheinen der ACAA in späteren US-Verfahren zu einem Versäumnisurteil geführt habe.
Die gerichtliche Hürde
Nachdem der Schiedsspruch gesichert war, wandte sich die Olive Group an das US-amerikanische Rechtssystem, um die Schulden einzutreiben. Sie identifizierten eine potenzielle Geldquelle: Überfluggebühren, die von der IATA für Fluggesellschaften erhoben werden, die durch den afghanischen Luftraum fliegen. Diese Gebühren wurden vor der Machtübernahme der Taliban im Namen des afghanischen Staates auf einem Schweizer Bankkonto gehalten.
Olive reichte eine Pfändungsklage in Washington, D.C. ein, wo die IATA eine erhebliche Lobbypräsenz unterhält. Das Unternehmen argumentierte, dass die IATA aufgrund ihres langjährigen Büros, ihrer Mitarbeiter und regulatorischen Aktivitäten dort der Gerichtsbarkeit in D.C. unterliege.
Das Bundesgericht in D.C. entschied jedoch aus Zuständigkeitsgründen gegen die Olive Group:
1. Kein allgemeiner Gerichtsstand: IATA ist in Kanada eingetragen und ihr nordamerikanischer Hauptsitz befindet sich in Miami, nicht D.C.
2. Kein spezifischer Gerichtsstand: Der Streit entstand aus Gebührenerhebungen in der Schweiz und in Afghanistan, nicht aus Lobbying-Aktivitäten oder Bürokosten der IATA in Washington.
Folglich war das Gericht nicht befugt, die von der IATA gehaltenen Gelder zu pfänden, obwohl sich auf dem Konto etwa 3,1 Millionen US-Dollar befinden.
Die nächsten Schritte
Unbeirrt hat die Olive Group eine nahezu identische Klage im südlichen Distrikt von Florida eingereicht, wo sich der nordamerikanische Hauptsitz der IATA befindet. Dieser Schritt zielt darauf ab, eine ordnungsgemäße Zuständigkeit für die internationale Luftfahrtbehörde zu schaffen.
Unterdessen hat sich die Finanzlandschaft der afghanischen Luftfahrt dramatisch verändert. Seit ihrer Machtübernahme haben die Taliban Überfluggebühren zu einer kritischen Einnahmequelle gemacht. Da Fluggesellschaften aufgrund von Sanktionen den russischen Luftraum meiden, haben die Flüge durch Afghanistan zugenommen, wobei die Taliban 700 US-Dollar pro Flug verlangen. Dies macht die Luftraumrechte zu einem wertvollen Gut und erschwert jeden Versuch von Gläubigern, historische Schulden aus den im Rahmen des neuen Regimes generierten Mitteln einzufordern.
Schlussfolgerung: Der Rechtsstreit der Olive Group unterstreicht die Schwierigkeit, finanzielle Urteile in Post-Konflikt-Gebieten durchzusetzen. Während die internationale Schiedsgerichtsbarkeit einen Mechanismus zur Beilegung von Streitigkeiten bietet, bleibt die Einziehung von Vermögenswerten von Organisationen wie der IATA oder nicht anerkannten Regierungen eine komplexe rechtliche Herausforderung, die durch geopolitische Veränderungen und sich ändernde Einnahmemodelle noch komplizierter wird.























