Für die meisten ist eine Küste eine Grenze – ein Ort, den man aus der Ferne betrachten kann, oder ein kurzer Zwischenstopp im Sommerurlaub. Doch für den britischen Fotografen Quintin Lake wurde die Küste zu einer Lebenseinstellung. Im Rahmen seines ehrgeizigen Projekts „The Perimeter: A Photographic Journey around the Coast of Britain“ hat Lake fünf Jahre lang die Umrisse der Insel zu Fuß nachgezeichnet und dabei mehr als 6.835 Meilen (11.000 Kilometer) zurückgelegt.
Seine Reise war keine einzige, ununterbrochene Wanderung, sondern ein rhythmischer Zyklus der Rückkehr, des Verlassens und der erneuten Auseinandersetzung mit dem Land. Von April 2015 bis September 2020 reiste Lake durch vielfältige Landschaften – von den sanften Grünflächen von Devon bis zur rauen, ungezähmten Wildnis Schottlands – um eine Seite Großbritanniens einzufangen, die Menschen, die sich mit hoher Geschwindigkeit fortbewegen, oft entgeht.
Ein Tempowechsel: Von der Architektur zu den Elementen
Der Übergang von Lake von der Architekturfotografie zum Fernwandern war eher eine Notwendigkeit als pures Fernweh. Nach einer Meningitis, die ihn dazu zwang, langsamer zu gehen, begann er, in der bewussten, langsamen Bewegung des Gehens einen neuen Sinn zu finden.
Was als eine Möglichkeit begann, Flusswege zu befahren, kristallisierte sich schließlich zu einer größeren Vision heraus: die tiefe Geographie und Geschichte der britischen Inseln durch die Linse eines Reisenden zu Fuß zu verstehen. Diese „langsame Auflösung“ des Landes ermöglichte es ihm, an ikonischen Wahrzeichen vorbeizugehen und sich auf das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen zu konzentrieren.
Die neue Ära des Küstenwanderns
Lakes persönliche Odyssee erreicht einen Wendepunkt für den britischen Tourismus und die Outdoor-Freizeit. Im März 2026 eröffnete England offiziell den King Charles III England Coast Path. Mit einer Länge von 2.700 Meilen (4.500 Kilometer) ist es heute die längste bewirtschaftete Küstenwanderroute der Welt.
Diese Entwicklung ist aus mehreren Gründen bedeutsam:
– Zugänglichkeit: Durch die Verbindung zuvor getrennter Klippen, Strände und Flussmündungen macht der Weg die gesamte englische Küste legal und physisch begehbar.
– Barrieren abbauen: Wie Lake anmerkt, laden gut markierte Wege Menschen, die sich vielleicht nicht als „Wanderer“ bezeichnen, ein, die geistigen und körperlichen Vorteile der Natur zu erleben.
– Ein Gegentrend: In einer Zeit des „Checklisten-Reisens“ – in der Touristen sich beeilen, um eine Sehenswürdigkeit zu besichtigen und dann weiterzugehen – fördert der offizielle Weg eine immersivere, nachhaltigere Verbindung mit der Landschaft.
Lehren aus dem langen Weg
Das Gehen solch großer Distanzen erfordert mehr als nur körperliche Ausdauer; es erfordert eine psychologische Veränderung. Lake beschreibt die tiefe Einsamkeit der Reise und erwähnt Abschnitte, auf denen er fünf Tage lang keine andere Menschenseele sah. Um mit der körperlichen Belastung fertig zu werden, verließ er sich auf kleine Rituale: den Trost eines Morgenkaffees bei schlechtem Wetter oder den treibenden Beat von Technomusik, um die Strapazen des Weges zu überwinden.
Seine Erfahrung verdeutlicht eine grundlegende Wahrheit über das Reisen: Maßstäbe ändern sich mit der Geschwindigkeit.
„Orte, die aus der Ferne gewöhnlich erscheinen, werden aus der Nähe außergewöhnlich“, stellt Lake fest.
Mit seinen Fotografien hat er die Nuancen der Küste eingefangen – die Art und Weise, wie Licht auf eine Düne trifft, das Geräusch widerhallender Wellen oder die stille Leere einer scheinbar überfüllten Gegend. Er stellte fest, dass die „Wildheit“ Großbritanniens viel allgegenwärtiger war, als die meisten glauben, insbesondere in abgelegenen Gebieten wie den Rough Bounds von Knoydart in Schottland.
Der Wert des langsamen Ansatzes
Während die Fertigstellung eines National Trails manche dazu verleiten könnte, ihn als einen Punkt der „Bucket List“ zu betrachten, der abgehakt werden muss, schlägt Lake vor, dass der wahre Wert in der Anhäufung von Momenten liegt. Bei der Reise geht es nicht um die Ziellinie, sondern um die Schichten von Schönheit, Widerstandsfähigkeit und Präsenz, die man auf dem Weg entdeckt.
Auch wenn er sich neuen Herausforderungen stellt – derzeit Wandern und Zelten in den Bergen Englands und Wales –, bleibt Lake davon überzeugt, dass die Essenz seiner Arbeit dieselbe bleibt: Entdeckungen im Alltäglichen und Verbindungen in der Stille.
Schlussfolgerung
Die Reise von Quintin Lake beweist, dass es bei einem Spaziergang entlang der Küste weniger darum geht, einen Endpunkt zu erreichen, sondern vielmehr um die tiefe Intimität, die durch langsame Beobachtung gewonnen wird. Da sich in ganz Großbritannien neue Wege eröffnen, bietet die Küste eine seltene Gelegenheit, die Hektik des modernen Lebens gegen eine tiefere Verbindung zur Natur einzutauschen.
























